Faszination Ekel - „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

Quelle: abendblatt.de

Bücher, die von brutalen Morden handeln, gibt es haufenweise. Ob unter dem Label „Krimi“, „Psychothriller“ oder einfach nur „Thriller“, irgendeine Ecke jeder Buchhandlung nehmen sie ein, werden von Liebhabern fleißig Probe gelesen und von anderen auf dem Weg zu den Liebesromanen geschickt umsteuert. Dass solch ein Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wird, kommt eher selten vor. Heinz Strunk hat es mit seinem „Der goldene Handschuh“ geschafft. Denn dieses Buch ist weit mehr als eine Beschreibung von Morden.
Die Kneipe heutzutage, Quelle: st.pauli-news.de

Die Geschichte dreht sich um den in Hamburg lebenden Fritz „Fiete“ Honka, einen Hilfsarbeiter, zunächst auf der Werft tätig, dann als Nachtwächter auf dem Shell-Gelände. Nach Feierabend verbringt er seine Zeit im „Goldenen Handschuh“, einer (tatsächlich existierenden) Kneipe auf dem Hamburger Berg in St. Pauli. Hier ist 24 Stunden geöffnet, an 365 Tagen im Jahr, man trifft „Tampon-Günther“, „Fanta-Rolf“ und andere Stammgäste. Und Frauen, die man aufgrund ihrer Obdachlosigkeit, Alkoholsucht  oder sonstigen Verwahrlosung problemlos mit nach Hause nehmen kann. Fritz ist zwar selbst völlig verkommen, dennoch will er sich überlegen fühlen. Seine krankhaften Sexpraktiken enthalten Kochlöffel, Bananen und Knackwürste – den Rest kann man sich wohl denken. Seine Verachtung gegenüber den Objekten der Begierde wird ziemlich schnell deutlich: „Es gibt kein Loch mehr, auf dem sie pfeifen könnte, nicht einmal das letzte.“ Als er seine neue Stelle bei Shell antritt, scheint zunächst alles besser zu werden. Er unternimmt Hafenrundfahrten und Ausflüge in den Zoo. Bis er sich in die verheiratete Putzfrau Helga verliebt und sie ihn zurückweist. Von da an steigert er sich immer weiter in seine Gewaltfantasien, die letztendlich vier Frauen mit dem Leben bezahlen müssen.

Fritz Honka auf der Anklagebank, Quelle: faz.net_Picture
„Der Goldene Handschuh“ ist in gewisser Weise ein Extrem. Er bleibt nicht nur bei einer Milieustudie, sondern der trostlosen Welt Fritz Honkas steht ein weiterer Erzählstrang um eine reiche Reedersfamilie gegenüber. Doch auch hier trügt der Schein: Die Reederei steht kurz vor dem Bankrott, der alte Patriarch (Wilhelm-Heinrich, kurz WH1, denn alle Männer der Familie heißen so) ist in Ungnade gefallen, sein Sohn (WH2) ist beziehungsgestört, dessen Sohn (WH3) wiederum steckt mitten in der Pubertät, kann wegen seiner Akne jedoch bei Mädchen nicht landen. Dann ist da noch der Anwalt Karl, Bruder der Frau von WH2, der unter Alkohol- und Sexsucht leidet. Die Probleme bleiben praktisch die gleichen, verlagern sich nur auf eine andere Ebene. Das Buch beschreibt außerdem nicht nur, dass Frauen sterben, sondern haarklein, wie sie sterben. Es beschreibt nicht nur, dass Frauenleichen zerstückelt werden, sondern wie die Reste in der Abstellkammer landen und der Verwesungsgeruch mit Duftsteinen bekämpft wird.

Was den Roman definitiv auszeichnet, ist der derbe Sprachstil. Sätze wie „Ich könnte Fotzen fressen wie Kartoffelsalat“ muss man erst einmal schlucken. Dass alles auf einer wahren Geschichte basiert, macht das Ganze nicht erträglicher. Dennoch fragt man sich auch, wie viel Schuld die Figuren tatsächlich trifft. Fritz Honka ist aus der DDR geflohen, wurde danach selbst missbraucht und will nun Rache nehmen für alles, was ihm angetan wurde. Was kann die Psyche eines Menschen denn eigentlich ertragen? Und wie viel davon?

Wenn man sich auf die Gossenausdrücke und die Brutalität einlassen kann, lohnt es sich, den „goldenen Handschuh“ zu lesen. Der Roman ist Milieustudie, Tragödie und doch so viel mehr.

kultürlich-Autorin: Ina Frank



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